Gesundheit

Piriformis-Syndrom – Übungen zum Dehnen des Piriformis-Muskels

Piriformissyndrom

Unter dem Begriff Piriformis-Syndrom verstehen Mediziner unterschiedlich stark ausgeprägte Schmerzzustände, die durch eine Reizung oder Kompression des Ischiasnervs hervorgerufen werden.

Das Piriformis-Syndrom zählt zu den sogenannten Engpasssyndromen1. Diese Gruppe von Erkrankungen ist dadurch gekennzeichnet, dass Nerven oder Gefäße an bestimmten Körperstellen eingeengt werden. Als Folge kann es zu einer Schädigung der betroffenen Gewebe kommen.

Ischiasnerv und Piriformis-Muskel

Nach Ansicht der meisten Ärzte entsteht bei einem Piriformis-Syndrom die Einengung an der Stelle, wo der Ischiasnerv zwischen dem Piriformis-Muskel (birnenförmiger Muskel) und dem Beckenknochen durch das Foramen infrapiriforme tritt. Der fingerdicke Piriformis-Muskel verläuft vom unteren Abschnitt unserer Wirbelsäule, dem Kreuzbein, beidseitig über den vorderen Teil des Beckens bis zum rechten beziehungsweise linken Oberschenkelknochen (Femur).

Seine Funktion besteht vor allem darin, im Stand das Bein nach außen zu drehen (Außenrotation) und abzuspreizen (Abduktion). Auf diese Weise sorgt der Piriformis-Muskel dafür, dass wir beim Laufen nicht das Gleichgewicht verlieren. Bei einem Piriformis-Syndrom liegt eine Verkürzung, Verspannung oder Entzündung des birnenförmigen Muskels vor.

Der Piriformis-Muskel schwillt an und engt den Ischiasnerv ein, der direkt darunter verläuft. Durch den erhöhten Druck besteht die Gefahr, dass der Nerv an der Durchtrittsstelle des Foramens infrapiriforme eingeklemmt wird. Normalerweise entsteht das Piriformis-Syndrom nur auf einer Körperseite.

Wenn die Krankheit zu einem späteren Zeitpunkt erneut auftritt, kann das andere Bein betroffen sein. In einer Beobachtungsstudie aus dem Jahre 2012 wurde lediglich bei 17,2 Prozent der Teilnehmer, die über Schmerzen im unteren Rückenbereich klagten, ein Piriformis-Syndrom als Ursache identifiziert2. Somit gehört es zu den selteneren orthopädischen Erkrankungen.

Piriformis-Syndrom – Symptome und Diagnose

Häufig äußert sich das Piriformis-Syndrom auf ähnliche Weise wie ein Bandscheibenvorfall. Die Schmerzen im Gesäß gelten als charakteristisches Symptom der Erkrankung. Typischerweise strahlen sie in den Oberschenkel oder den unteren Rücken (Lendenwirbelsäule) aus. Betroffene beschreiben den Schmerz in der Regel als hell und stechend.

Piriformissyndrom Symptome
Durch den starken Druck auf den Ischiasnerv kann es zu Taubheitsgefühlen und einem Kribbeln in den Beinen bis hinunter zu den Zehen kommen. Aufgrund der Schmerzen haben Menschen mit Piriformis-Syndrom oft Schwierigkeiten lange zu sitzen oder sich nach vorne zu beugen, wenn sie etwas aufheben möchten. Die Beschwerden verstärken sich unter anderem beim Jogging, Fahrradfahren, Treppensteigen und Schwimmen.

Da sich die Symptome nicht wesentlich von einem Bandscheibenvorfall oder einer Lumboischialgie3 unterscheiden, stellen Orthopäden eine sogenannte Ausschlussdiagnose. Zunächst werden alle anderen möglichen Erkrankungen ausgeschlossen, bis als einzige Diagnose das Piriformis-Syndrom übrig bleibt. In vielen Fällen wird die Schmerzursache gar nicht erkannt und die Betroffenen suchen verzweifelt einen Arzt nach dem anderen auf.

Test zur Überprüfung des Piriformis-Syndroms

Anhand verschiedener Tests erhalten Ärzte Hinweise darauf, ob ein Piriformis-Syndrom vorliegen könnte. Unter anderem werden die bereits erwähnte Außenrotation und die Abduktion beider Beine überprüft. Wer den Verdacht auf ein Piriformis-Syndrom hat, kann die folgenden Tests selbst durchführen und das Ergebnis dem behandelnden Arzt mitteilen.

Schmerzpunkt tasten

Der Piriformis-Muskel befindet sich am unteren Ende des Gesäßes kurz vor dem Übergang zum Bein. Wenn Sie diesen Bereich vorsichtig betasten, können Sie auf der schmerzhaften Seite oft einen empfindlichen Punkt identifizieren.

Durch Druck lässt sich an dieser Stelle ein Schmerz provozieren. Bei dem gleichen Punkt auf der anderen Körperseite sollte das nicht möglich sein.

Piriformis-Muskel dehnen

Der Test entspricht der Selbsthilfeübung zur Dehnung des Piriformis-Muskels. Der genaue Ablauf ist weiter unten im Abschnitt 1. Übung: Dehnen des Piriformis-Muskels beschrieben.

Wenn Sie die Übung mit dem rechten und anschließend mit dem linken Bein durchführen, sollten Sie jedes Mal ein Spannungsgefühl im Gesäß spüren. Bei einem Piriformis-Syndrom besteht jedoch ein großer Unterschied zwischen der betroffenen und der nicht betroffenen Seite.

Ischiasschmerz provozieren

Mit diesem Test lässt sich auf der erkrankten Seite ein Ischiasschmerz hervorrufen. Auf der gesunden Seite ist das nicht möglich. Legen Sie sich mit ausgestreckten Beinen flach auf den Rücken. Heben Sie ein Bein – so weit es geht – langsam an, wobei die Zehen nach oben zeigen.

Halten Sie für kurze Zeit diese Position. Führen Sie anschließend den Test mit dem anderen Bein durch. Bei einem Piriformis-Syndrom kommt es auf der betroffenen Seite zu Nervenschmerzen in der Wade und im Bereich der Kniesehne.

Wenn Sie den Schmerz ausgelöst haben, legen Sie das Bein sofort wieder ab. Zur Verdeutlichung finden Sie hier eine Darstellung der Übung.

Ursachen für das Piriformis-Syndrom

Verschiedene Faktoren können dafür verantwortlich sein, dass der Piriformis-Muskel in Mitleidenschaft gezogen wird. Durch übertriebene, ungewohnte und einseitige Bewegungen kommt es nicht selten zu einer Verspannung oder Entzündung des birnenförmigen Muskels. Als Folge verdickt er sich und übt einen starken Druck auf den Ischiasnerv aus, wodurch die Symptome hervorgerufen werden.

Neben einem Unfall oder einem Sturz auf das Gesäß gelten sportliche Aktivitäten als eine wesentliche Ursache für das Auftreten eines Piriformis-Syndroms. Vor allem Sportarten wie Tennis, Basketball oder Fußball, bei denen schnelle Richtungsänderungen durchgeführt werden, bergen ein erhöhtes Risiko.

Sogar erfahrene Langstreckenläufer sind gefährdet, wenn sie ohne eine ausreichende Dehnung der Muskulatur mit dem Jogging beginnen. Überlastungen, eine falsche Lauftechnik oder ungewohnte Laufschuhe begünstigen eine Entzündung des Piriformis-Muskels.

Während der Schwangerschaft kann es ebenfalls zu einem Piriformis-Syndrom kommen4. Die Symptome werden meistens als Schwangerschafts-Ischias oder Ischias-Schmerzen in der Schwangerschaft bezeichnet5. Vor allem in den letzten Schwangerschaftswochen sind viele Frauen davon betroffen. Nach der Geburt des Babys verschwinden die Beschwerden in der Regel von selbst wieder.

Zu den weiteren Ursachen des Piriformis-Syndroms zählen:

  • langes Sitzen mit einer Geldbörse in der Gesäßtasche
  • sitzende Tätigkeiten im Büro und vor dem Computer
  • Überanstrengung in einer nach vorne gebeugten Körperhaltung
  • lange Autofahrten
  • anheben von schweren Gegenständen in einer gegrätschten Beinstellung

Die Naturheilkunde kennt eine wichtige Ursache für das Piriformis-Syndrom, die in der Bevölkerung weitgehend unbekannt ist: ein Beckenschiefstand, der aufgrund einer scheinbaren (funktionellen) Beinlängendifferenz entsteht7. Die Fehlstellung des Beckens kann viele unterschiedliche Symptome hervorrufen, zu denen vor allem Rückenschmerzen und Ischiasbeschwerden gehören.

Piriformis-Syndrom – Behandlung

In der Schulmedizin wird bei einem Piriformis-Syndrom eine konservative Behandlung durchgeführt. Unter diesem Begriff verstehen Ärzte eine medikamentöse Therapie und bei Bedarf die Anwendung physikalischer Maßnahmen (Massage, Physiotherapie). Zu Beginn steht die Schonung des Piriformis-Muskels im Vordergrund. Die Betroffenen meiden am besten alle Tätigkeiten und Bewegungen, die den Ischiasnerv zusätzlich reizen.

Piriformissyndrom Behandlung
Darüber hinaus können schmerzhemmende Mittel wie Diclofenac oder Ibuprofen für eine Schmerzlinderung sowie den Rückgang der Entzündung sorgen. Häufig führen Orthopäden oder Physiotherapeuten Dehnungen der umgebenden Muskulatur und andere Maßnahmen wie TENS[7], Ultraschall oder eine myofasziale Triggerpunkt-Therapie8 durch. Ziel ist es, die Verspannungen zu lösen und dadurch den Druck auf die Durchtrittsstelle des Ischiasnervs am Foramen infrapiriforme zu verringern.

Je nach Dauer der Erkrankung kommen zusätzlich Kälteanwendungen oder Wärmeanwendungen zum Einsatz. Einige Ärzte spritzen Cortison und/oder ein örtliches Betäubungsmittel (Lidocain) in den Piriformis-Muskel, um für kurze Zeit eine Schmerzfreiheit zu erreichen. In seltenen Fällen wird zu einer Operation geraten.

Die Behandlung des Piriformis-Syndroms erfordert oft viel Geduld. Bei manchen Patienten dauert es mehrere Monate, bis die Beschwerden ganz verschwunden sind.

Wie kann ein naturheilkundlich orientierter Arzt oder Heilpraktiker helfen?

Die Naturheilkunde verfügt über mehrere Möglichkeiten, das Piriformis-Syndrom zu behandeln. Wenn ursächliche Faktoren eine wesentliche Rolle spielen (Beckenschiefstand, gekipptes Becken9), sollte der Therapeut zunächst Methoden wie die Osteopathie, die Chiropraktik oder die Wirbelsäulentherapie nach Dorn einsetzen. Durch diese Behandlungen ist es möglich, die zugrunde liegende Beinlängendifferenz zu beseitigen und das Becken gerade auszurichten.

Ein erfahrener Arzt oder Heilpraktiker kann mithilfe der Neuraltherapie die verantwortlichen Triggerpunkte ausschalten und alle relevanten Störfelder beseitigen10. Vor allem in Kombination mit der Akupunktur wird auf diese Weise die körpereigene Regulation wieder in Gang gesetzt, sodass die Symptome des Piriformis-Syndroms manchmal bereits nach kurzer Zeit deutlich nachlassen. Die Homöopathie kennt ebenfalls geeignete Mittel, um Ischiasbeschwerden zu lindern.

Was kann man selbst tun?

Die Anwendung von Wärme oder Kälte kann bei einem Piriformis-Syndrom gute Dienste leisten. Allgemein gilt: Akut aufgetretene Beschwerden lassen sich durch Eis lindern, bei länger bestehenden Schmerzen sind wärmende Maßnahmen empfehlenswert. Am besten finden Sie selbst heraus, was Ihnen hilft.

Legen Sie ein Handtuch auf das Gesäß und platzieren dann einen Eisbeutel, einen Kühlakku oder ein Eispack auf dem Schmerzbereich. Lassen Sie die Kälte nicht länger als 20 Minuten einwirken. Für die Wärmeanwendung können Sie eine Wärmflasche, ein Heizkissen, ein Kirschkernkissen oder eine heiße Rolle11 verwenden.

Oft ist es bei Ischiasschmerzen hilfreich, die Schmerzpunkte zu massieren. Suchen Sie durch vorsichtigen Druck den schmerzhaftesten Punkt an Ihrem Gesäß und massieren ihn sanft mit einem Massageöl. Dorn-Therapeuten verwenden gerne reines Johanniskrautöl, da es wärmende und entkrampfende Eigenschaften besitzt.

Dehnungsübungen für den Piriformis-Muskel und den Ischiasnerv schaffen wesentliche Voraussetzungen für die Heilung. Führen Sie die folgenden Übungen für mindestens vier Wochen mehrmals am Tag durch.

1. Übung: Dehnen des Piriformis-Muskels

Für eine erfolgreiche Behandlung des Piriformis-Syndroms ist es wichtig, den birnenförmigen Muskel regelmäßig zu dehnen. Durch die Dehnung entspannt er sich und verringert den Druck auf den Ischiasnerv.

Legen Sie sich flach auf den Rücken. Heben Sie Ihr rechtes Bein so an, dass der Oberschenkel senkrecht nach oben steht und das Knie angewinkelt ist. Umfassen Sie mit der rechten Hand von hinten das Knie und greifen mit Ihrer linken Hand von vorne den Knöchel.

Um den Piriformis-Muskel zu dehnen, bewegen Sie mit beiden Händen das Knie und den Knöchel des rechten Beins so weit es geht in Richtung Ihrer linken Schulter. Sie sollten dabei einen Zug im Gesäß spüren. Halten Sie die Spannung für 10 Sekunden.

Wiederholen Sie anschließend die Übung mit dem linken Bein und ziehen es dabei in Richtung der rechten Schulter. Der genaue Ablauf der Übung wird in diesem Video gezeigt.

2. Übung: Mobilisierung des Ischiasnervs

Stellen Sie sich aufrecht hin und platzieren Ihr linkes Bein mit der Ferse auf einer Treppenstufe oder einem Hocker. Ziehen Sie die Zehen auf sich zu, wobei das Bein gestreckt bleibt. Beugen Sie sich langsam vor, bis Sie einen Zug im Oberschenkel spüren.

Halten Sie diese Position für 10 Sekunden. Führen Sie die Übung insgesamt 5 Mal durch und wechseln dann das Bein. Übertreiben Sie die Dehnung nicht, indem Sie sich ruckartig oder mit zu viel Kraft nach vorne bewegen. In diesem Video wird die Übung genau erklärt.

3. Übung: Stärkung der Hüftmuskulatur

Legen Sie sich auf die linke Seite. Ihr Kopf sollte dabei auf einem Kissen liegen. Beide Beine sind ausgestreckt und die Zehen zeigen nach vorne. Bewegen Sie das rechte Bein so weit wie möglich nach oben und dann wieder zurück.

Führen Sie die Übung mindestens 3 Mal durch. Wenn das zu einfach ist, wiederholen Sie das Ganze 15 bis 20 Mal oder verwenden zusätzliche Knöchelgewichte. Wechseln Sie anschließend auf die andere Seite.

Wichtig ist, die Intensität der Übung mit der Zeit immer weiter zu steigern. Dadurch trainieren Sie den Piriformis-Muskel und Ihre gesamte Hüftmuskulatur. Dieses Video beschreibt die Übung im Detail.

Korrektur der Beinlängendifferenz

Voraussetzung für einen anhaltenden Erfolg bei der Behandlung des Piriformis-Syndroms ist die Beseitigung eines Beckenschiefstands, der durch eine scheinbare Beinlängendifferenz hervorgerufen wird. In diesem Beitrag zeigen wir, wie Sie selbst eine mögliche Beinlängendifferenz erkennen.

Wenn bei Ihnen ein Beckenschiefstand vorliegt, können diese beiden Übungen (Hüftgelenk-Übung und Sprunggelenk-Übung) dabei helfen, den Unterschied in den Beinlängen zu korrigieren. Bei Fragen oder Unklarheiten wenden Sie sich am besten an einen erfahrenen Therapeuten, der die Methode Dorn beherrscht.

Fazit

Das Piriformis-Syndrom ist in der orthopädischen Praxis eine eher selten diagnostizierte Erkrankung. Da sich die Symptome auf eine ähnliche Weise bemerkbar machen wie eine Lumboischialgie oder ein Bandscheibenvorfall, wird die zugrunde liegende Ursache oft übersehen.

Mithilfe einfacher Tests können Betroffene selbst überprüfen, ob möglicherweise ein Piriformis-Syndrom vorliegt. Die Behandlung gestaltet sich oft langwierig und erfordert viel Geduld von Arzt und Patient.

Neben der dauerhaften Beseitigung eines Beckenschiefstands ist es wichtig, den Piriformis-Muskel zu dehnen und den Ischiasnerv zu mobilisieren. Regelmäßig angewendet fördern die Übungen nicht nur die Heilung, sondern beugen auch einem erneuten Auftreten des Piriformis-Syndroms vor.

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Über den Autor

Dr. Jochen G. Opitz

Jochen ist Biochemiker, Doktor der Naturwissenschaften und arbeitet seit 18 Jahren als Heilpraktiker in eigener Praxis. Durch seine Ausbildung und Erfahrung schreibt er für unsere Leser sowohl aus Sicht der Naturheilkunde als auch der westlichen Medizin. Mehr Informationen zu unseren Autoren finden Sie auf der Seite Über uns

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