Familie

Migräne bei Kindern erkennen und behandeln

Migräne bei Kindern

Regelmäßig auftretende Kopfschmerzen sind eine ernste Belastung für Kinder, die auch an Vater und Mutter keineswegs spurlos vorübergeht. Da ist einerseits die Ungewissheit, ob sich hinter den Beschwerden eine echte Migräne wie bei Erwachsenen verbirgt. Andererseits quält Eltern die Frage, wie sie ihren Kleinen auf kurze und lange Sicht helfen können.

Um die Betroffenen zu unterstützen, haben wir die wesentlichen Fakten über Kinder und Migräne zusammengestellt und alltagstauglich aufbereitet.

Migräne — ein Alarmsignal der Sinne

Die anfangs größte Unsicherheit von Eltern bei einer Migräne des Kindes sind Ängste, dass die Beschwerden auf weit schlimmere Erkrankungen hinweisen. In aller Regel ist das jedoch nicht der Fall.

Denn der Organismus teilt durch diese schmerzhaften Störungen nur mit, dass die für die Sinneswahrnehmung zuständigen Nerven kurzfristig überlastet sind und eine Pause benötigen. Mit dem „Schaltknopf“ Migräne schafft es der Körper, das Kind vorübergehend ruhigzustellen.

Häufigkeit

Die Migräne ist heute zweifelsfrei ein Krankheitsbild, das bereits bei Kleinkindern beginnt und bis zum Erwachsenenalter zunimmt.

Beispielsweise zeigen die Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG), dass schon gegen Ende der Grundschule 3 bis 7 Prozent der Kinder betroffen sind. Das ist circa die Hälfte der Werte bei Erwachsenen, die 10 bis 15 Prozent betragen1.

Die Unterschiede zwischen Spannungskopfschmerz und Migräne

Vor allem jüngere Kinder haben ein Problem, auftretende Kopfschmerzen genauer zu beschreiben. Fehlen Anzeichen für eine andere Grunderkrankung wie eine Erkältung, leidet das Kind in der Regel am verbreiteten Spannungskopfschmerz oder der weniger häufigen Migräne. Beide Formen sind allerdings anhand der typischen Beschwerdebilder unterscheidbar. Die nachfolgenden Übersichten helfen dabei.

Symptome bei Spannungskopfschmerz

Der Spannungskopfschmerz nennt sich in der Alltagssprache auch Verspannungskopfschmerz, was die Symptome verständlicher macht. Anders als bei der Migräne hat die verkrampfte Nacken- und Oberkörpermuskulatur öfters einen wesentlichen Anteil daran.

Ein weiterer Unterschied zur Migräne besteht darin, dass beim Verspannungskopfschmerz Kinder und Erwachsene die gleichen Beschwerden aufweisen:

  • Nur leichter bis mäßiger Schmerz
  • Schmerzempfinden dumpf-drückend, nicht pulsierend
  • Schmerz zieht meist vom Nacken zur Stirn bis in die Augen oder Wangen
  • Körperliche Bewegung verstärkt Schmerzen nicht
  • Gelegentlich leichte Übelkeit
  • Kein Brechreiz oder Empfindlichkeit gegen Licht, Lärm und Geruch

Migränesymptome bei Kindern

Hier gibt es teilweise einige Unterschiede zu Erwachsenen:

  • Bei vielen Kindern zeigt sich die Migräne anfangs nur indirekt mit regelmäßigen Schwindelattacken. Die sind teils begleitet von Übelkeit und Erbrechen, aber nicht von Kopfschmerz. Experten interpretieren das als „Migräne-Vorstufen“. Kann der Arzt andere Ursachen ausschließen, entwickelt sich daraus in den Folgejahren häufig eine Migräne2,3.
  • Im Unterschied zu Erwachsenen ist die Migräne von Kindern öfters beidseitig und zieht bis in die Stirn.
  • Die Schmerzattacken sind kürzer als bei Erwachsenen, dauern aber mindestens eine Stunde.
  • Übelkeit und Erbrechen sind bei Kindern häufig stärker ausgeprägt als der Kopfschmerz.
  • Lärm- und Lichtempfindlichkeit sind seltener als bei Erwachsenen.
  • Auch bei Kindern zeigen sich kurz vor Schmerzbeginn vereinzelt neurologischen Veränderungen. Beispiele sind Flimmersehen oder Lichtblitze4 (Aura), Gefühlsstörungen an Hand und Fuß oder Sprachstörungen. Manche berichten auch von „phantastischen Bildern“ (Alice-im-Wunderland-Syndrom).

Da Kinder laut DMKG öfters als Erwachsene gleichzeitig an Migräne- und Spannungskopfschmerz leiden, ist die Bewertung der Symptome teilweise schwierig.

Klagt ein Kind regelmäßig mehrmals monatlich über migränetypische Beschwerden, sollten Eltern ärztlichen Rat einholen.

Gründe und Auslöser für eine Migräne

Bei einer Migräne unterscheidet man zwischen Gründen und Auslösern (Triggern). Dabei sorgen die Auslöser nur bei bestimmten Menschen für eine Migräne, eben dann, wenn wirklich auch körperliche Ursachen zugrunde liegen. Bei gesunden Menschen wird in der gleichen Situation nämlich keine Migräne ausgelöst.

Die Gründe

Das Entstehen einer Migräne ist bis heute nicht endgültig erforscht. Die bisher vorliegenden Erkenntnisse lassen sich jedoch vereinfacht so beschreiben:

Sind bei bestimmten Menschen deren biologisch gesunde, aber reizempfindliche Nervenbahnen überlastet, braut sich ein „Nervengewitter“ zusammen. Das sendet Botenstoffe in die Blutgefäße, die das Gehirn durchziehen. Dort lösen sie kleine Gefäßentzündungen aus, die zu den pulsierenden Schmerzen führen.

Die Schmerzattacken wiederum setzen die körpereigenen Kompensationsmechanismen in Gang. Die stoppen die Entzündungsprozesse und beenden so die Schmerzen, ohne dass an den Gefäßen Schäden zurückbleiben.

Da obendrein die im Gehirn tobenden „Nervenblitze“ über das Rückenmark bis zu entfernten Organen wie Magen und Darm reichen, kommt es auch dort zu Turbulenzen. Die Folgen sind neurologischen Begleitbeschwerden wie Übelkeit und Erbrechen.

Fest steht außerdem, dass ein an Migräne leidender Elternteil die natürliche Neigung zu besonders reizempfindlichen Nervenbahnen öfters an sein Kind vererbt.

Die Auslöser

Ein „Nervengewitter“ baut sich nicht von alleine auf, sondern nur in Verbindung mit bestimmten Ereignissen oder Auslösern (Trigger). Beispiele sind intensiv genutzte elektronische Medien, ständige Geräusche jeder Art, schulische Überforderung oder zwischenmenschliche Stressfaktoren vom Kindergarten bis hin zum Familienzwist.

Migräne bei Kindern Auslöser
Weitere Trigger sind unregelmäßige Schlafgewohnheiten, sportliche Überbelastung oder Ängste vor anstehenden Ereignissen. Selbst zu grelles Tageslicht am Schülerschreibtisch oder bestimmte Nahrungsmittel wie Nüsse oder Schokolade können Auslöser sein.

Für die Eltern ist wichtig zu wissen, dass jedes Kind etwas anders auf einzelne Reize anspricht. Daher sind stets nur einige davon relevant.

Die Diagnose

Die ersten Ansprechpartner für eine Diagnose sind der Haus- oder Kinderarzt. Der Diagnoseschwerpunkt besteht zunächst in der ausführlichen Befragung, wie und wann die Beschwerden auftreten.

Eine gute Vorbereitung dafür sind Notizen der Eltern und bedarfsweise des Kindes. Dabei helfen die Kopfschmerzfragebogen für Kinder, Jugendliche und Eltern der DMKG sowie ein Kopfschmerztagebuch für Kinder der Deutschen Schmerzhilfe3,5.

Gestützt auf die Befragung folgt eine ausführliche körperliche und neurologische Untersuchung. Ergänzende bildgebende Verfahren wie eine Magnetresonanz-Aufnahme (MRT) sind nur im Einzelfall erforderlich, um letzte Zweifel für andere Kopfschmerzursachen auszuschließen.

Kindliche Migräne behandeln

Nicht-medikamentöse Verfahren

Anders als bei Erwachsenen stehen zur Behandlung der Migräne bei Kindern nicht-medikamentöse Therapien im Vordergrund. Erfahrungsgemäß sprechen diese bei Kindern besonders gut an.

Da die Kleinen mit ihren Beschwerden nicht alleine zurechtkommen, benötigen sie elterliche Zuwendung und Hilfe. Der Erfolg ist aber ebenso vom Kind selbst abhängig. Es muss lernen, woher die Schmerzen kommen und was im Kopf dabei geschieht6.

Erfreulicherweise gibt es umfangreiches und teils kostenloses Material, das die häusliche Umsetzung vieler Empfehlungen wesentlich erleichtert. Beispiele sind eine CD mit kindgerechten Entspannungsübungen nach Jakobson oder ein Comic-Video für Kinder und Eltern zum Umgang mit Migräne und Spannungskopfschmerzen. Letzteres enthält eingängige Vorschläge, wie schon Grundschüler ihren Tagesablauf besser gestalten können, um Schmerzattacken zu vermeiden7,8.

Für Eltern und Kinder deutlich zeitaufwendiger ist das Biofeedback, ein spezifisches Verhaltenstraining. Dabei werden über Hautkontakte Körperströme bei Stress oder Anspannung gemessen und am Computer sichtbar gemacht. Die Kassen übernehmen die Kosten aber nur in Einzelfällen.

Medikamente gegen Migräne

Leider geht es bei einer echten Migräne nur selten ganz ohne Arzneimittel. Dabei ist es sehr wichtig, den Kindern die Medikamente schon bei den ersten typischen Vorboten zu geben. Dann treten die Hauptbeschwerden nur abgeschwächt oder teils gar nicht auf.

Beginnen die Störungen mit Übelkeit und Brechreiz, erhalten Kinder ab 12 Jahren zunächst den rezeptpflichtigen Wirkstoff Domperidon in der ärztlich festgelegten Dosierung. Bei jüngeren Kindern darf Domperidon nicht eingesetzt werden. Hier sind beispielsweise Tees mit Ingwer oder Kamille eine Alternative.

Als Schmerzmittel für Kinder eignen sich die Wirkstoffe Ibuprofen und Paracetamol gemäß Arztvorgabe. Für Jugendliche ab 12 Jahren ist auch Acetylsalicylsäure (ASS) zulässig.

Bei der modernen Arzneigruppe der Triptane gibt es für Kinder und Jugendliche keine Produkte zum Einnehmen. Zugelassen sind lediglich die Nasensprays Sumatriptan 10 mg und Zolmitriptan 5 mg , allerdings nur für Jugendliche ab 12 Jahren 1.

Fazit

Eine echte Migräne bei Kindern ist für die betroffenen Familien durchaus problematisch, mit nicht-medikamentösen Verfahren und Arzneimitteln jedoch gut kontrollierbar.

Ist ein Elternteil mit Migräne behaftet, überträgt sich die Veranlagung sehr häufig auf die Kinder.

Etwa ein Viertel der Kinder verliert die Migräne bis zum Erwachsenenalter, die Mehrzahl hingegen ist meist lebenslang damit belastet.

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Über den Autor

Dr. Erwin Spiegel

Erwin ist promovierter Chemiker und arbeitet seit über 30 Jahren als geprüfter wissenschaftlicher Klinikreferent. Mit seinem großen Erfahrungsschatz ist er der richtige Ansprechpartner für schulmedizinische und pharmazeutische Fragenstellungen. Mehr Informationen zu unseren Autoren finden Sie auf der Seite Über uns