Gesundheit

Kryotherapie – Ersatz für andere Behandlungen?

Kryotherapie

Viele Menschen kennen die kurzen TV-Beiträge über Finnland, in denen Einheimische vergnügt aus der Sauna springen und sich kurz mutig im Schnee wälzen. Seit der Fußballweltmeisterschaft 2014 gibt es gelegentlich auch Bildberichte über Spitzensportler, die unmittelbar nach dem Spiel ein sehr erfrischendes Eisbad nehmen.

Während die Finnen den gesundheitlichen Langzeiteffekt ihres Verhaltens beschwören, steht bei den Sportprofis die rasche Regeneration im Vordergrund. Welche Bandbreite Kälte als natürliche Therapieform insgesamt bietet und ob sie auch als Alternative zu anderen Behandlungen infrage kommt, erfahren Sie in unserem nachfolgenden Beitrag.

Das Grundprinzip der Kryotherapie

Die Kryo- oder Kältetherapie ist eine schon in der Antike praktizierte Methode, um durch das Kühlen einzelner Körperteile oder des ganzen Körpers Beschwerden zu behandeln. Der Wortstamm „kryo“ ist griechischen Ursprungs und bedeutet „kalt“.

Seit der Pfarrer und Naturheilkundler Kneipp vor gut 150 Jahren der Kältetherapie durch die kurmäßige Anwendung zu neuer Popularität verhalf, gewann diese Heilmethode stetig an Bedeutung. Heute ist sie als Teil der physikalischen Medizin voll etabliert. Diese Behandlungsform setzt Reize von außen, um heilungsfördernde Körperreaktionen auszulösen.

Die Therapie mit Kälte im Überblick

Die Kältetherapie stützt sich auf die Temperaturunterschiede zwischen dem Körper und dem Kühlmedium. Dabei erreicht die Temperaturdifferenz je nach Art der Maßnahme enorme Werte von teilweise mehr als 200 °C. Das beginnt ganz harmlos mit kaltem Leitungs- oder Quellwasser von +10 °C und endet beim flüssigen Stickstoff mit kaum vorstellbaren -196 °C.

Der Kältereiz erzeugt dabei stets eine Reihe von Reaktionen in der Haut, den Nerven, den Gefäßen, dem Bindegewebe, der Muskulatur und im Zellstoffwechsel. Diese Effekte sind eng miteinander verknüpft und wirken insbesondere schmerzlindernd, entzündungshemmend und regenerierend.

Obendrein kommt es zu Fernwirkungen auf nicht unmittelbar gekühlte Organbereiche wie die Atemwege, das Herz-Kreislauf-System und den Hormonhaushalt. Letzterer beeinflusst bekanntermaßen nicht nur den Stoffwechsel, sondern steuert auch unsere Gefühle und das Wohlbefinden1.

Bewährte Einsatzgebiete

Die nachfolgenden Beispiele verdeutlichen das breite Spektrum der Kältetherapie von der Selbsthilfe über rein ärztlichen Anwendungen bis hin zur allgemeinen Krankheitsvorsorge.

Lokale kleinere Verletzungen

Leichtere Verletzungen wie Prellungen oder Zerrungen sind das Metier für Mutters häusliche Ersthilfe mit Kälte. Zum Einsatz kommen beispielsweise feuchtkalte Tücher, Eisbeutel oder Gefrierelemente. Die erzeugen in erster Linie folgende natürliche Körperreaktionen, die lindernd wirken:

  • Das Nervensystem schaltet sofort einen Gang zurück und wird weniger schmerzempfindlich.
  • Die Kälte bremst entstehende Entzündungsprozesse an Bändern, Sehnen, Gelenken und Muskeln.
  • Die Blutgefäße verengen sich, wodurch nur wenig Flüssigkeit in das umliegende Gewebe einsickert. Das hält Schwellungen klein.

Ambulante Operationen

Ob Zahnimplantate oder eine chirurgische Erstversorgung eines Knochenbruchs: Meist bleiben noch Schwellungen, Blutergüsse und Schmerzen. Hier ist das Kühlen analog zu kleinen Verletzungen die bewährteste Form der Selbsthilfe.

Oft senkt das auch den Bedarf an Schmerzmitteln und trägt mit dazu bei, dass sich das Allgemeinbefinden zügig bessert. Sonstige Hinweise des Arztes wie die Einnahme weiterer Arzneimittel bleiben natürlich bestehen.

Verödung durch Gefriertechnik (Kryochirurgie)

Kryochirurgie ist fast ausschließlich Sache der Ärzte. Beispielsweise verödet der Dermatologe unerwünschte und krankhafte Hautveränderungen wie auffällige Narben oder Vorstufen von weißem Hautkrebs.

Dazu berührt er für wenige Sekunden die betroffene Stelle mit einem Wattestäbchen, das er zuvor in flüssigen Stickstoff von -196 °C getaucht hat. Das behandelte Gewebe stirbt dadurch sofort ab. Für den Patienten ist das nahezu schmerzfrei.

Die einzige Ausnahme zur Selbstbehandlung mit der Gefriertechnik sind Warzen. Dafür gibt es ein rezeptfreies Kältespray, das diese Hautgeschwulste bei -57 °C sekundenschnell und weitgehend schmerzarm verödet.

Eisbäder zur Regeneration

Vor allem Profisportler mit intensiver Lauf- und Dauerleistung wie Fußballer oder Radrennfahrer verwenden heute zur Regeneration gerne ein Eisbad. Die Athleten nutzen dabei während der kurzen Eintauchzeit von wenigen Minuten insbesondere folgende Wirkungen:

Wim Hof Methode
Die Kälte zieht die Blutgefäße rasch zusammen und sorgt danach für eine umso bessere Durchblutung. Das unterstützt den Abtransport von „Verbrennungsmüll“ aus dem Energiestoffwechsel. Außerdem bilden sich kleine Muskel- und Gewebeverletzungen (Mikrotraumen) rascher zurück, ebenso Schwellungen und Mikroblutungen.

Insgesamt läuft die Regeneration nach einem Eisbad deutlich schneller ab als bei einer einfachen Ruhephase.

Der Niederländer Wim Hof wurde unter anderem durch seine Weltrekorde mit Aufenthalten von knapp zwei Stunden in Eisbädern bekannt. In der gleichnamigen Wim Hof Methode bringt er anderen Menschen bei, die regenerative Wirkung der Kälte für die eigene Gesundheit zu verwenden.

Chronisch entzündliche Erkrankungen

Ein weiteres Haupteinsatzgebiet der Kältetherapie sind chronisch entzündliche Beschwerden wie das Gelenkrheuma oder versteifende Wirbelsäulenentzündungen (Spondylitis ankylosans). Teils noch schmerzhafter ist die Fibromyalgie („Alles-tut-weh-Syndrom“), eine Form des Weichteilrheumas.

Als bewährte Therapie für Rheuma gilt seit Jahren die Ganzkörpertherapie in der Kältekammer2,3. Dazu hält sich der Erkrankte in Badebekleidung für maximal drei Minuten in der Kammer bei Temperaturen um die -60 bis –120 °C auf. Kopf, Hände und Füße sind aber geschützt. Wegen der trockenen Kälte empfinden die meisten Personen dies jedoch nicht als unangenehm, zumal als Belohnung die Schmerzen noch in der Kältekammer deutlich nachlassen.

Für eine anhaltende Besserung von einigen Wochen oder Monaten sind allerdings etwa 20 Anwendungen innerhalb von zwei Wochen erforderlich. Eine tagegleich anschließende Krankengymnastik unterstützt die neu gewonnene Beweglichkeit.

Als gleichwertige Alternative zur Kältekammer gewinnt seit einigen Jahren die Kryosauna an Bedeutung, die ebenfalls mit trockener Kälte bis –120 °C arbeitet. Dabei handelt es sich um ein tonnenförmiges Kühlgefäß, das den Körper von den Füßen bis zum Hals umschließt. Nur der Kopf bleibt frei.

Neuere Studien bestätigen den von der Ganzkörper-Kryotherapie ausgehenden Reiz auf wichtige Stoffwechselfunktionen. Beispielsweise verbessern sich bestimmte rheuma- und entzündungstypische Blutwerte deutlich4.

Die langjährige Erfahrung mit der Ganzkörper-Kältetherapie zeigt, dass sie Beschwerden zwar lindert, aber nicht völlig heilt. Als wichtigen Zusatznutzen bewerten Ärzte, dass etliche der Betroffenen zumindest für einige Zeit weniger Rheuma- und Schmerzmedikamente benötigen.

Obgleich die Ganzkörpertherapie mit Kälte als risikoarm eingestuft ist, gelten auch Ausschlusskriterien. Dies betrifft vor allem folgende Begleiterkrankungen5:

  • Unbehandelter Bluthochdruck
  • Ernste Herz-Kreislauf- und Herz-Rhythmus-Erkrankungen
  • Kürzlich erlittener Herzinfarkt
  • Schwere Durchblutungsstörungen in den Beinen
  • Bei Kälte häufig auffällig weiß oder bläulich gefärbte Finger (Raynaudsyndrom oder Weißfingerkrankheit)
  • Akute Atemwegserkrankungen
  • Polyneuropathie

Allgemeine Auswirkungen der Kältetherapie

Gestützt auf die guten Erfahrungen mit Kälte bei vielen Krankheiten und nach sportlicher Höchstbelastung lag es nahe, auch bei sonst Gesunden die Wirksamkeit zu überprüfen. Dabei kristallisierten sich als Schwerpunkte die allgemeine Gesundheitsvorsorge, eine bessere Immunabwehr, stimmungsfördernde und antidepressive Eigenschaften sowie regenerierende Effekte bei aufkommender Gedächtnisschwäche heraus6. Dazu nachfolgend einige Beispiele mit Hintergrundinformationen.

Elastische Gefäße für gesunden Blutdruck

Die beim Eisbad von Sportlern bereits erwähnte Wirkung von Kälte auf das Wechselspiel der Blutgefäße ist keineswegs an intensives Training gebunden, sondern für jeden gültig. Auch die morgendliche kalte Dusche hält die Adern elastisch, die sich im Gegenzug mit gesunden Blutdruckwerten bedanken.

Da die Gefäße mit den Lebensjahren an Dehnbarkeit verlieren, schützen regelmäßige Kältemaßnahmen diese vor einer zu schnellen Alterung. Die Finnen haben das mit ihrer „Schneevariante“ schon lange drauf.

Starkes Immunsystem

Starkes Immunsystem
Ausgelöst durch einen Kälteschock aktiviert das Nervensystem sofort seine Schutzprogramme. Eines davon setzt Hormone zur Stärkung des Immunsystems wie das körpereigene Cortison und verwandte Stoffe frei.

Nach der Kryotherapie bleiben diese Substanzen für einige Zeit als „Wächter“ im Kreislauf, um beispielsweise eindringende Erkältungskeime rasch zu bekämpfen. Bei wiederholten Kältereizen baut sich der Körper so eine starke Immunabwehr auf.

Vermeidung von Entzündungen

Auch bei Gesunden finden im Körper laufend Auf- und Abbauprozesse statt. Das bekannteste Beispiel dafür sind die Muskeln. Treten bei solchen biochemischen Abläufen „Betriebsstörungen“ auf, können sich Entzündungsherde ausbilden und im Einzelfall ernste Beschwerden auslösen.

Genau da greift die Substanz Norepinephrin ein und hindert entzündungsfördernde Stoffe daran, gefährliche Infektionen auszubilden. Das funktioniert aber nur gut, wenn die körpereigenen Vorratsspeicher in den Nerven genügend Norepinephrin enthalten. Regelmäßiges Kältetraining trägt wesentlich dazu bei, dass der Organismus ausreichend Nachschub davon produziert7.

Wirkung gegen Depressionen

Schon Erstanwender einer Ganzkörper-Kryotherapie empfinden häufig eine deutliche Besserung ihrer zuvor ausgeprägt depressiven Stimmung. Bei wiederholter Kältebehandlung gelingt es vielen, diese positive Gefühlswelt über einige Wochen oder Monate zu erhalten8.

Ursache für die Besserung sind Glückshormone wie Dopamin oder Serotonin, die der Körper durch den Kältereiz ins Nervensystem abgibt. Vor dort gelangen sie in die entsprechenden Gehirnareale9.

Regeneration von neuronalen Defiziten

Die Botenstoffe des Nervensystems wie Noradrenalin spielen beim Übermitteln von Körpernachrichten eine Schlüsselrolle. Sie teilen dem Organismus mit, was er jeweils tun soll. Geht es beispielsweise um Denkarbeit, landet die Botschaft im Gehirn.

Mangelt es allerdings an Noradrenalin, weil die Vorratszellen dieser Substanz degenerieren, kommt es im Gehirn zu Leistungsdefiziten. Davon betroffene Personen nehmen das als verlangsamtes Denken oder Gedächtnisschwäche wahr.

Falls die Zelldefekte noch nicht zu umfangreich sind, ist eine körpereigene Regeneration möglich, wenn eine Ganzkörpertherapie mit Kälte den Reparaturanreiz setzt. Regelmäßig angewandt leistet Kälte damit auch einen wichtigen Beitrag zur Vorsorge gegen neurodegenerative Erkrankungen wie eine Demenz10.

Fazit

Die bereits in der Antike genutzte Kältetherapie erlebt seit ihrer „Neuentdeckung“ durch Pfarrer Kneipp in Verbindung mit modernen Therapiekonzepten einen bis heute anhaltenden Aufschwung. Insbesondere die Ganzkörperkryotherapie in der Kältekammer oder neuerdings der Kryosauna trifft zunehmend auf allgemeines Interesse.

Als natürliches Konzept gilt die Therapie mit Kälte als risikoarm und teilweise als Alternative zu anderen Behandlungen und Medikamenten. Zusätzlich bietet die Kältemethode auch Gesunden leicht umsetzbare Möglichkeiten zu mehr Vitalität und guter Gesundheitsvorsorge.

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Über den Autor

Dr. Erwin Spiegel

Erwin ist promovierter Chemiker und arbeitet seit über 30 Jahren als geprüfter wissenschaftlicher Klinikreferent. Mit seinem großen Erfahrungsschatz ist er der richtige Ansprechpartner für schulmedizinische und pharmazeutische Fragenstellungen. Mehr Informationen zu unseren Autoren finden Sie auf der Seite Über uns

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