Familie

Ergotherapie für Kinder – gelebter Alltag von Anfang an

Ergotherapie für Kinder

Die Ergotherapie unterstützt und begleitet Menschen aller Altersstufen, die eine Einschränkung in ihrer Handlungsfähigkeit erfahren. Das Ziel ist die größtmögliche Selbstständigkeit im persönlichen Alltag dieser Menschen. Für Kinder bedeutet dies, sämtliche Aktivitäten in Kindergarten, Schule und Freizeit ohne Defizite durchführen zu können.

Die Ergotherapie ist im Vergleich zu verwandten Berufsgruppen wie der Physiotherapie ein noch relativ junger Beruf, der in der Betreuung und Versorgung von Kindern immer wichtiger wird. Die therapeutischen Interventionen beginnen im Bedarfsfall bereits direkt nach der Geburt und begleiten Kinder bis ins Jugendalter. Der Unterschied zur funktionsorientierten Physiotherapie liegt im handlungsorientierten Ansatz der Ergotherapie.

Eine relevante therapeutische Leistung für Kinder

Laut Heilmittelbericht 2017 liegt der Spitzenwert der jungen Patienten in der Altersgruppe der Fünf- bis Neunjährigen. 9,5 Prozent der Jungen und 4,1 Prozent der Mädchen nahmen im Jahr 2017 ergotherapeutische Leistungen in Anspruch1. Zwei der drei häufigsten Zuweisungsdiagnosen – ADHS und die Entwicklungsstörung der motorischen Funktionen – fallen in den Kinder- und Jugendbereich.

Der Weg zur Ergotherapie führt immer über einen zuweisenden Arzt. Die Zusammenarbeit zwischen Ergotherapeutinnen und Ärzten ist daher ein wichtiger Faktor, damit genau jene Kinder Therapie erhalten, die diese auch tatsächlich brauchen. 2017 waren ein Viertel aller Ärzte, die eine Therapie verordneten, in der Kinder- und Jugendmedizin tätig.

Dass die Ergotherapie bei Kindern ihre Wirksamkeit nicht verfehlt, ist auch mehrfach wissenschaftlich belegt. Eine an der Philosophischen Fakultät Berlin durchgeführte Studie zur Effektivität der ergotherapeutischen Intervention bei Kindern von drei bis zwölf Jahren zeigte signifikante Verbesserungen in den Bereichen Motorik, Verhalten und allgemeiner Entwicklung2.

Ein vom Wiener SI-Seminarinstitut durchgeführtes systematisches Review untersuchte 13 verschiedene Studien zur Sensorischen Integrationstherapie, einem Teilgebiet der Ergotherapie. 85 Prozent dieser Studien belegten die positiven Effekte der therapeutischen Interventionen3.

Doch was bedeutet das für die Praxis – wann sollte ein Kind zur Ergotherapie?

Wann ist Ergotherapie für Kinder sinnvoll?

Manchmal fällt Eltern auf, dass ihr Kind bezüglich Motorik, Kognition oder Sozialverhalten von den altersentsprechenden Normen abweicht. Oft kommt dieser Hinweis von Kindergartenpädagogen oder Lehrern, da diese das Kind nach anderen Kriterien beurteilen und es auch im Vergleich beziehungsweise in der sozialen Interaktion mit Gleichaltrigen erleben.

Eine ärztliche Begutachtung stellt fest, ob bei dem Kind Therapiebedarf besteht oder die beobachteten Auffälligkeiten innerhalb des natürlichen Entwicklungsprozesses liegen.

Frühgeburten zeigen neben einem verringerten Geburtsgewicht auch unzureichend ausgebildete Sinnessysteme, da diese erst im letzten Drittel der Schwangerschaft reifen. Eine spezielle Förderung ab der Geburt bewirkt in vielen Fällen, dass spätestens beim Schuleintritt keine Defizite mehr erkennbar sind.

Erworbene Hirnschädigungen können vor und während der Geburt oder durch Krankheiten im Säuglings- und Kleinkindesalter entstehen. Kognitive und motorische Defizite sind die Folge. Die Ergotherapie trainiert diese Fähigkeiten, wobei das Ziel oft die altersentsprechende Einschulung ist.

Vor allem während des Geburtsvorgangs besteht das Risiko, funktionelle Defizite auszulösen. Verletzte oder gerissene Nerven haben gelähmte Muskeln zur Folge, was in manchen Fällen operativ behoben wird. In der Ergotherapie trainieren Kinder die motorischen Fähigkeiten – meist von Schulter, Arm und Hand – um physiologische Bewegungsabläufe durchführen zu können.

Eine mangelhafte Körperwahrnehmung äußert sich bei Kindern in der Regel durch Hyper- oder Hyposensibilität, also ein Zuviel oder Zuwenig an Reizwahrnehmung. Hier kommen spezielle sensibilisierende oder desensibilisierende Maßnahmen zum Einsatz, die sowohl auf die Oberflächen- als auch auf die Tiefenwahrnehmung wirken.

Manche Kinder zeigen eine verzögerte Mal- und Schreibentwicklung und haben in der Schule deswegen Schwierigkeiten, dem Unterricht zu folgen. Hier liegt die Ursache mitunter in einer falschen Stift- und Körperhaltung. Gezielte Mal- und Schreibübungen oder Hilfsmittel wie verdickte Stifte helfen dem Kind, in der Schule besser zurechtzukommen.

Auch Kinder verletzen sich hin und wieder. Die Ergotherapie bietet für Knochenbrüche, Sehnenrisse oder sonstige Verletzungen wie Verbrennungen ein Training der Motorik und Sensibilität an.

Psychische Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter wie beispielsweise Essstörungen gehören genauso zum ergotherapeutischen Kompetenzbereich. Hier wird vor allem an der Körper- und Selbstwahrnehmung gearbeitet.

Erkrankungen aus dem psychiatrisch-neurologischen Bereich wie ADHS oder Autismus zählen zu jenen Diagnosen, die oft eine therapeutische Behandlung über mehrere Monate bis Jahre erfordern. Ziel ist, das Kind so zu unterstützen, dass es seinen Alltag möglichst unabhängig gestalten kann.

Ergotherapeutinnen arbeiten auch mit mehrfach- und schwerstbehinderten Kindern. Hierbei geht es um die Förderung basaler Sinneseindrücke sowie der Körperwahrnehmung und die Verbesserung beziehungsweise den Erhalt der Beweglichkeit, beispielsweise bei Spastiken.

Ablauf der Ergotherapie

Ablauf einer Ergotherapie
Wer schon einmal den Arbeitsplatz einer Ergotherapeutin gesehen hat, wird sich an bunte Farben, Gesellschaftsspiele und Bastelutensilien erinnern. Manch einer könnte dabei auf den Gedanken kommen, das Kind käme „nur“ zum Spielen zur Therapie. Doch hinter jeder dieser spielerischen Aktivitäten steckt ein therapeutischer Hintergrund.

Das Spiel ist für Kinder neben Spaß ihre Art, die Welt zu erfahren und Neues zu lernen. Gesellschaftsspiele fördern das Miteinander, die Rücksichtnahme und die Frustrationstoleranz. Bastelarbeiten trainieren die Kreativität und die Feinmotorik, während das Fangen und Werfen eines Balles auf der Schaukel oder der auf dem Rollbrett zu bewältigende Parcours Grobmotorik, Koordination und Gleichgewicht verbessern.

All diese Fähigkeiten werden in der Ergotherapie so trainiert, dass das Kind sie in seinen persönlichen Alltag übertragen kann. Regelmäßige Gespräche helfen den Bezugspersonen, einzelne Übungen zu Hause fortzuführen oder das Kind in seiner Entwicklung bestmöglich zu unterstützen.

Ziel der Therapie

Am Beginn des ergotherapeutischen Prozesses steht eine detaillierte Anamnese, die der Therapeutin ein Bild des Kindes und seines Alltags vermittelt. Die Befragung des Kindes und seiner Bezugsperson kann durch Fragebögen zur Fremdeinschätzung, welche die Eltern zu Hause ausfüllen, ergänzt werden.

Der nächste wichtige Punkt ist die Formulierung eines Therapieziels. Was möchten wir gemeinsam erreichen? Worauf soll sich die Therapie fokussieren? Was ist dem Kind wichtig, was den Eltern, welche Defizite und Ressourcen fallen der Therapeutin auf? Das Einbeziehen der Bezugsperson und des Kindes ist Voraussetzung bei der Zielformulierung.

Die Therapie kann im Beisein oder in Abwesenheit der Bezugsperson erfolgen. Oft ist deren Abwesenheit sogar von Vorteil, da das Kind dann weniger leicht abgelenkt wird. In regelmäßigen Abständen zeigen Zwischenevaluierungen, wo im Prozess das Kind steht und woran weiterhin gearbeitet werden soll.

Wie lange die Therapie andauert, hängt von der Diagnose und dem Therapiefortschritt ab. Manche Kinder beenden die ergotherapeutische Intervention nach wenigen Einheiten, andere nehmen sie über Jahre hinweg in Anspruch.

Das Kind kann die Ergotherapie abschließen, wenn das Therapieziel erreicht wurde oder kein weiterer Fortschritt absehbar ist. In letzterem Fall könnte der Wechsel zu einer anderen Ergotherapeutin oder einer anderen therapeutischen Berufsgruppe wie Physiotherapie oder Logopädie in Betracht gezogen werden.

Fazit

Die Bandbreite an Diagnosen, mit denen Kinder zur Ergotherapie kommen, ist groß. Von geringen Defiziten bis zur schweren Behinderung wird eine Vielzahl an Krankheitsbildern therapeutisch abgedeckt. Das Ziel liegt immer in der größtmöglichen Selbstständigkeit des Kindes in seinem Alltag.

Dass Ergotherapie wirkt, sehen Pädagogen und Eltern anhand der Fortschritte, die Kinder in der Therapie machen. Daneben liefert die wissenschaftliche Forschung weitere Beweise für die Effektivität.

Die Ergotherapie ist natürlich weder Wunderwaffe noch Zaubermittel, jedoch kann sie Kindern und Jugendlichen oft genau die Unterstützung geben, die sie auf ihrem Weg gerade brauchen.

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