Gesundheit

Beckenschiefstand mit Übungen korrigieren

Beckenschiefstand

Mit mehr als 25 Millionen Betroffenen gehören Rückenschmerzen in Deutschland zu den häufigsten Beschwerden. An der Entstehung des Krankheitsbildes ist in vielen Fällen ein unerkannter Beckenschiefstand beteiligt.

Bin ich eventuell selbst davon betroffen, ohne es zu wissen? In dem folgenden Artikel erfahren Sie, was ein Beckenschiefstand ist, wie er diagnostiziert beziehungsweise behandelt wird und was jeder selbst dagegen tun kann.

Volkskrankheit Beckenschiefstand

Eine Analyse der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2007 hat ergeben, dass bei etwa 70 Prozent aller Menschen ein Schiefstand des Beckens vorliegt. Anders ausgedrückt: Weniger als ein Drittel der Weltbevölkerung geht mit einem vollkommen gerade ausgerichteten Becken durch’s Leben.

Die Schulmedizin unterscheidet zwischen zwei Kategorien von Beckenschiefständen, der Strukturellen und der Funktionellen Kippung1.

Bei der Strukturellen Kippung entsteht das schiefe Becken aus anatomischen Gründen. Dazu zählen unter anderem: eine angeborene Beinlängendifferenz, Prothesen oder der Zustand nach Operationen an den großen Gelenken (Knie, Hüfte). Liegt eine strukturelle Ursache vor, kann das Becken nicht mehr in eine gerade Stellung zurückkehren.

Eine Funktionelle Kippung wird durch Verspannungen der Gesäßmuskulatur sowie der unteren Rückenmuskulatur hervorgerufen. Häufig kommt es dadurch zu einer scheinbaren (funktionellen) Beinlängendifferenz. Die Beine sind in diesem Fall nicht anatomisch verschieden lang, sondern weisen aufgrund des Beckenschiefstands einen unterschiedlichen Muskeltonus auf. Werden die Verspannungen gelöst, kehrt in der Regel das Becken von selbst in die waagerechte Position zurück.

Welche Symptome treten bei einem Beckenschiefstand auf?

Da das Becken unsere Wirbelsäule mit den Beinen verbindet, spielt es eine zentrale Rolle bei der Körperhaltung und der Stabilität des Bewegungsapparats. Liegt nur eine leichte Form des Beckenschiefstands vor, kann der Körper die Schieflage zunächst symptomlos kompensieren.

Bei einer deutlichen Schieflage des Beckens drohen Fehlstellungen der Wirbelsäule und Verspannungen der Rückenmuskulatur. Als Folge kommt es häufig zu Rückenschmerzen an den entsprechenden Stellen2.

Anfangs ist nur der untere Teil der Wirbelsäule betroffen. Zum Ausgleich der Kippung krümmt sich die Lendenwirbelsäule in Richtung des höher stehenden Beckenkamms.

Besteht die Fehlstellung über längere Zeit, hat das nicht nur lokale Auswirkungen. Ein ausgeprägter Beckenschiefstand beeinträchtigt die Statik des gesamten Rückens. Es kommt zu seitlichen Verkrümmungen der Brust- und Halswirbelsäule (Skoliosen) oder zu einer Blockade einzelner Wirbel.

Folgende Beschwerden können als Folgen eines schiefen Beckens auftreten:

  • Schmerzen im Bereich des Kreuzbeins, der Lenden- und Brustwirbelsäule
  • Nacken- und Kopfschmerzen
  • muskuläre Verspannungen
  • Schmerzen in den Schultern
  • Bandscheibenvorwölbung (Discusprolaps) oder Bandscheibenvorfall
  • Abnutzung der Bandscheiben (Bandscheibendegeneration)
  • falscher Biss (craniomandibuläre Dysfunktion)3
  • Zahnschmerzen
  • Ohrensausen (Tinnitus)4

Da jeder Wirbel über Spinalnerven mit ganz bestimmten inneren Organen verbunden ist, beeinträchtigen Fehlstellungen der Wirbelsäule unter Umständen auch die entsprechenden Organfunktionen: Eine Blockade des 2. Brustwirbels (Th2) kann Herzrhythmusstörungen auslösen. Heuschnupfen oder eine chronische Entzündung der Nebenhöhlen hängen möglicherweise mit einer Fehlstellung des 4. Halswirbels (C4) zusammen5.

Ursachen eines Beckenschiefstands

Die Hauptursache für die Schrägstellung des Beckens besteht in einer Beinlängendifferenz. Dieser Ausdruck bedeutet, dass das rechte und das linke Bein unterschiedlich lang sind. In seltenen Fällen liegt das daran, dass die Oberschenkel- oder Unterschenkelknochen in beiden Extremitäten anatomisch nicht identisch sind. Zu den Gründen gehören unter anderem angeborene Wachstumsstörungen (Osteochondrodysplasien), Verletzungen der Wachstumsfuge und Knochenbrüche.

In etwa 95 Prozent aller Fälle ist die Ursache für das Auftreten einer Beinlängendifferenz nicht angeboren, sondern erworben6. Die Entstehung hängt mit unserer modernen Lebensweise zusammen: Bewegungen in schlechter Körperhaltung, falsches Heben von Lasten oder ein langes Sitzen in ungünstigen Positionen führen zu einer ungleichmäßigen Beanspruchung der Bein-, Rücken- und Gesäßmuskulatur.

Wird eine Körperseite permanent stärker belastet als die andere, hat das Auswirkungen auf die Muskeln, das Gewebe und die Gelenke. Als Folge scheint ein Bein kürzer zu sein als das andere. Dieses Phänomen wird in der Schulmedizin funktionelle Beinlängendifferenz genannt, um es von einer anatomischen oder reellen Beinlängendifferenz zu unterscheiden.

Beinlängendifferenzen bewirken nicht nur einen Schiefstand des Beckens. Die ungünstige Belastung der Knie-, Hüft- und Sprunggelenke beim Gehen kann zu Schmerzen sowie einer Abnutzung des Knorpels in den Gelenken führen. Als Komplikation droht eine Arthrose.

Wie wird ein Beckenschiefstand diagnostiziert?

Wer unter Rückenschmerzen leidet, sucht in der Regel zunächst einen Orthopäden auf. Durch ein Abtasten von Beckenknochen und Wirbelsäule erkennt ein geschultes Auge schnell, ob Muskelverspannungen, Verkrümmungen oder ein schiefes Becken vorliegen. Besteht der Verdacht auf eine Beinlängendifferenz, vermisst der Arzt zusätzlich beide Beine. Um die Diagnose Beckenschiefstand abzusichern, eignen sich Röntgenuntersuchungen sowie eine 3D-Wirbelsäulenmessung.

Bei der 3D-Wirbelsäulenmessung verwendet der Orthopäde keine Röntgenstrahlen, sondern erzeugt im Computer ein dreidimensionales Bild von Becken und Rücken des Patienten durch ein spezielles Videoverfahren. Diese Methode eignet sich gut zur Unterscheidung zwischen einer reellen und einer funktionellen Beinlängendifferenz.

Kann ich einen Beckenschiefstand auch bei mir selbst feststellen?

Bei den meisten manuellen Verfahren ist es leider nicht möglich, eine Überprüfung der eigenen Beinlängen durchzuführen. In seinen Kursen für Therapeuten zeigt der Heilpraktiker Burkhard Hock dennoch eine Methode7, mit der die Selbstdiagnose eines schiefen Beckens relativ einfach gelingt.

Überprüfung einer möglichen Beinlängendifferenz

Das Erkennen seiner eigenen Beinlängendifferenz erfordert ein wenig Übung. Ein paar Punkte müssen unbedingt beachtet werden, um korrekte Ergebnisse zu erhalten.

Legen Sie sich vollkommen gerade auf den Rücken, sodass eine gedachte Linie Ihren Körper der Länge nach symmetrisch von oben nach unten „durchschneidet“. Können Sie das nicht genau abschätzen, ist es hilfreich, sich auf eine Fuge des Fußbodens zu legen. Wenn Sie keine vollkommen gerade Position einnehmen, lässt sich eine mögliche Beinlängendifferenz nicht erkennen.

Beinlängendifferenz Selbsttest 1 © Heilpraktiker Georg Opitz
Heben Sie jetzt den Oberkörper etwas an und stützen sich auf die Ellbogen. Drücken Sie sich mit den Händen langsam und gleichmäßig nach oben und bewegen den Oberkörper so weit wie möglich nach vorne. Versuchen Sie, die Beine dabei „loszulassen“. Spannen Sie sie nicht an und schieben Sie sie auch nicht aktiv nach vorne.

Beinlängendifferenz Selbsttest 2 © Heilpraktiker Georg Opitz
Ziehen Sie die Zehen etwas in Richtung Ihres Kopfes. Bei einer Differenz der Beinlängen ist in der Regel ein deutlicher Unterschied in der Position der Knöchel und der Fersen erkennbar. Sie können auch eine andere Person bitten, Ihre Fersen bei der Übung zu beobachten. Diese erkennt leicht, welches Bein während der Bewegung länger wird.

Therapiemöglichkeiten des Beckenschiefstands

Ein Beckenschiefstand sollte möglichst frühzeitig behandelt werden. Idealerweise geschieht das, bevor Schmerzen, eine Skoliose oder weitere Symptome auftreten. Die gewählte Therapie hängt im Wesentlichen davon ab, ob ein funktioneller oder ein struktureller Beckenschiefstand vorliegt.

Eine strukturelle Kippung des Beckens oder eine reelle Beinlängendifferenz erfordert immer eine schulmedizinische Therapie. Eine Behandlungsbedürftigkeit besteht allerdings nach Ansicht vieler Orthopäden erst bei einem Beinlängenunterschied von mindestens 1,5 bis 2 Zentimetern.

In der Regel werden zunächst Schuheinlagen oder eine Schuherhöhung verordnet, um auf diese Weise die Beinlängendifferenz auszugleichen. Krankengymnastik und stärkende Übungen für die Muskulatur unterstützen den Körper zusätzlich. Bei sehr großen Unterschieden in den Beinlängen kommt ein chirurgischer Eingriff in Betracht, um das kürzere Bein operativ zu verlängern.

Der funktionelle Beckenschiefstand und die erworbene Beinlängendifferenz stellen eine Domäne der manuellen Therapie dar. Zu dieser Behandlungsform zählen unter anderem die Osteopathie, die Chiropraktik und die Methode Dorn. Die Therapeuten arbeiten mit unterschiedlich starkem Kraftaufwand an der Wirbelsäule, den Gelenken oder den Muskelansätzen und Faszien.

Ziel ist es, Blockaden zu lösen und verspannte Muskeln zu lockern. Die Erfolge sind beeindruckend. In den meisten Fällen gelingt es dem Behandler, die Beinlängendifferenz zu korrigieren und den funktionellen Beckenschiefstand rückgängig zu machen.

Methode Dorn

Die Methode Dorn, die auch als Dorn-Therapie oder Wirbelsäulentherapie nach Dorn bezeichnet wird, geht auf die Erkenntnisse und Erfahrungen des Landwirts Dieter Dorn (1938 – 2011) zurück8. Die Therapeuten gehen sehr sanft vor und setzen nur den Druck der Finger oder Hände ein.

Krumm und schmerzgeplagt gehen sie rein, aufrecht, schmerzlos und glücklich wieder raus, das ist fast normal bei einer Dorn Behandlung.Heilpraktiker Helmut Koch, Lindau

Vor der Behandlung der Wirbelsäule muss zunächst die erworbene Beinlängendifferenz und damit der funktionelle Beckenschiefstand korrigiert werden. Nach der gezielten Manipulation an den Hüft-, Knie-, und Sprunggelenken sind beide Beine normalerweise gleich lang. Genau genommen verändert sich dabei nicht der Zustand der Gelenke, sondern das Zusammenspiel der Muskeln9.

Wenn ein funktioneller Beckenschiefstand mithilfe der Dorn-Therapie beseitigt wird, kann es passieren, dass das Becken nach einiger Zeit wieder in die ursprüngliche Fehlstellung kippt. In der Regel dauert es ein paar Wochen, bis sich Muskelapparat, Sehnen und Gelenke an den neuen Zustand gewöhnt haben. Regelmäßige Nachkontrollen sind deshalb äußerst wichtig.

Gute Dorn-Therapeuten geben ihren Patienten bestimmte Übungen zur Selbstbehandlung mit10. Regelmäßig angewendet beugen sie einem erneuten Beckenschiefstand vor. Der Erfolg dieser Selbstbehandlung lässt sich anhand der oben beschriebenen Überprüfung der Beinlängen selbst feststellen.

Der Heilpraktiker Georg Opitz legt seinen Patienten zwei Selbsthilfeübungen für die Hüft- und Sprunggelenke an’s Herz. Sie sind effektiv, einfach zu erlernen und bei richtiger Anwendung vollkommen ungefährlich. Es ist sinnvoll, die Übungen für mindestens zwei Monate vor dem Schlafen und noch einmal vor dem Aufstehen im Bett durchzuführen.

Die Übungen ersetzen selbstverständlich keine ärztliche Untersuchung und Diagnose. Wer unsicher ist und sich nicht zutraut, die Selbsthilfeübungen eigenverantwortlich durchzuführen, sollte einen Dorn-Therapeuten kontaktieren.

1. Hüftgelenk-Übung

Hüftgelenk Übung 1 © Heilpraktiker Georg Opitz
Legen Sie sich auf den Rücken und winkeln das rechte Bein etwa 90° im Kniegelenk ab11. Der Unterschenkel befindet sich jetzt parallel zur Unterlage. Nehmen Sie ein zusammengerolltes Handtuch und schlingen Sie es über dem Hüftgelenk um Ihren Oberschenkel. Um eine bessere Hebelwirkung zu erzielen, ist es günstig, das Handtuch möglichst kurz zu fassen.

Hüftgelenk Übung 2 © Heilpraktiker Georg Opitz
Legen Sie das Bein unter kräftigem Zug des Handtuchs auf die Unterlage ab und atmen dabei aus. Wiederholen Sie das Ganze fünf bis zehn Mal. Führen Sie anschließend die Übung mit dem linken Bein durch.

2. Sprunggelenk-Übung

Sprunggelenk Übung 1 © Heilpraktiker Georg Opitz
Zur Durchführung eignet sich am besten ein großes Saunahandtuch. Legen Sie sich auf den Rücken und schlingen das Handtuch um die Ferse des rechten Beins.

Sprunggelenk Übung 2 © Heilpraktiker Georg Opitz
Halten Sie beide Enden fest und bewegen den Fuß unter kräftigem Zug des Handtuchs 10 bis 20 Mal auf und ab. Wiederholen Sie die Übung anschließend mit dem anderen Bein.

Wenn der Beckenschiefstand dauerhaft beseitigt ist, sind gymnastische Übungen zur Kräftigung der Muskulatur empfehlenswert. Der Muskelaufbau in einem Fitnessstudio unter medizinischer Betreuung kann ebenfalls sinnvoll sein.

Fazit

Der Beckenschiefstand stellt eine häufige Erkrankung dar, die sich nicht immer durch deutliche Symptome äußert. In den meisten Fällen ist die Ursache eine funktionelle Beinlängendifferenz.

Unbehandelt kann es zu Rückenschmerzen, Abnutzungen von Gelenken und einer Wirbelsäulenverkrümmung kommen. Wird der Beckenschiefstand rechtzeitig erkannt und therapiert, ist die Prognose für eine komplette Heilung sehr gut.

Mit gezielten Selbsthilfeübungen lässt sich der Heilungsprozess zusätzlich unterstützen.

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